Psychogenetik

INterviews und Gespräche zur Psychogenetik

Was will ich?  Über den menschlichen Willen, den gesunden Menschenverstand und das Gewahrsein

Heilwerden auf Seelenebene

Maria v. Hardenberg erklärt im Interview, wie die Psychogenetik uns in ein erwachsenes, stimmiges Leben führt

Frau Hardenberg, viele Menschen durchlaufen seit Jahren Therapien, lesen unzählige spirituelle Ratgeber – und dennoch werden sie immer wieder zurückgeworfen in einen Zustand, den sie längst überwunden glaubten. Wie erklären Sie sich das?

Mir begegnen tatsächlich immer wieder Menschen, die sich weiterbilden, um Erkenntnisse kämpfen. Sie machen spirituelle Übungen, um Blockaden zu beseitigen. Und merken vielleicht, wo sie Widerstände plagen. Sie versuchen diese durch religiöse oder ganzheitliche Praktiken aufzulösen. Nur: Die Blockaden gehen nicht weg. Die Schmerzen bleiben. Sie fallen z.B. immer noch auf einen bestimmten Typ Mann/Frau herein, der ihnen nicht gut tut oder plagen sich mit negativen Geldthemen. Man mag hier und da erfolgreich sein, aber es bleibt das nagende Gefühl der Stagnation. Es ergeht ihnen wie Sisyphus, der „armen Figur“ aus der griechischen Mythologie, die von Zeus dazu verdonnert worden ist, auf ewig einen Felsbrocken bergauf zu wuchten. Einen riesigen Stein, der kurz vor dem Gipfel wieder herunterrollt – welch ein Sinnbild für Vergeblichkeit! Es kommen sicher verschiedene Faktoren zusammen. Zum einen setzen viele Therapien meiner Meinung nach stark auf der Verstandesebene und der oberflächlichen emotionalen Ebene an. Dabei kommt es aus meiner Sicht darauf an, die Inhalte des Unterbewusstseins zu erfassen, also die tatsächlichen Informationen, die im Unterbewusstsein wirken und prägen, wie der Klient die Welt erlebt. Dieses Erkennen der unbewussten, individuellen Strukturen, Dynamiken -besonders aus den Herkunftseinflüssen- halte ich für den Schlüssel zur Heilung. So lange der Klient diese unbewussten Informationen aus seinem Mentalkörper und Emotionalkörper nicht wirklich im Detail kennt, wird er nach einem kurzen Aha-Effekt immer wieder in diese gleiche Mühle oder in einen ähnlichen Zustand zurückgeworfen. Zum anderen glaube ich auch, dass viele Menschen sich immer noch nach einer „Fingerschnipp-Lösung“ sehnen, aber über schnelle Lösungen das Leben schnell zu verändern, funktioniert aus meiner Sicht definitiv nicht. 

Klienten besuchen Sie in der Regel nur 3 mal 2 Intensiv-Tage mit einem Abstand von ca. 2 Monaten, um den Kernprozess zu durchlaufen und sich ihrer psychogenetischen Tiefenstruktur bewusst zu werden – Ist danach die Lebensqualität wirklich nachhaltig gesteigert?

Die Methode ist geeignet, um eindrücklich und nachhaltig Zusammenhänge des Unterbewusstseins deutlich zu machen und an die Oberfläche zu bringen – Chronisches im Unterbewusstsein wird sozusagen akut gemacht und weil es akut ist, kann man dann damit arbeiten und den akuten Zustand auch lösen. Der Klient ist gezwungen zu beobachten, zu reflektieren. Diese Arbeit ist zu eindrucksvoll, als dass er die Eindruckskraft des Herausgeschälten einfach weiterhin verdrängen könnte. Sie motiviert zur Verantwortungsübernahme, den Prozess mit den vereinbarten Aufgaben zum Eigenwohl zu nutzen. Der Psychogenetische Kernprozess ist ein tiefer Loslass-Prozess und auch Transformations-Prozess, denn danach ändert sich das Leben definitiv: Diese tiefe Ernsthaftigkeit stärkt den Willen und Selbstwert des Klienten und seine eigene Seele. So komisch es klingt – der Prozess ist darüber hinaus spannend und macht auch Spaß, er setzt eine hohe Motivation frei durch diese hohe Reflektionskraft und ein gewisses „Brennen“ auf umfassende Erneuerungen. Das Bewusstsein verbindet sich mit der Seelenkraft. Darauf kann der Klient sein Leben lang zurückgreifen. Die durchschnittlichen 3×2 Intensiv-Tage sind geballte analytische Phasen, die dem Klienten, insbesondere durch das entstehende Lebensbuch, Orientierungs- und Selbstanleitungsmaterial für die Zeit nach der gemeinsamen Arbeit mitgeben, ja auch freigesetzte, neue Lebensenergie und Stärke, um die gewonnenen Kenntnisse und Veränderungskräfte ins praktische Leben fließen zu lassen. Nach den 3×2 Intensivphasen, die jeweils im Abstand von etwa zwei Monaten stattfinden, hat man alles an die Hand bekommen für eine bewusste, deutlich verbesserte Lebensführung. Aber der eigentliche Weg ist dann das praktische Leben. 

Um sich mit den feinstofflichen Körpern des Klienten und seines Familiensystems zu identifizieren, versetzen Sie sich in den Zustand eines „neutralen Bewusstsein“. So können Sie bislang unbewusste Gedanken, Überzeugungen, Botschaften, Traumata und Zusammenhänge im Familiensystem aufdecken, die sich bei dem Klienten in einem Symptom niederschlagen oder in einer Unzufriedenheit mit einem Lebensaspekt. Wie können wir uns dieses neutrale Bewusstsein vorstellen? 

Ich würde es so sagen: Es ist ein Bewusstsein außerhalb von Vorstellungen, Vermutungen, Überzeugungen, es ist neutral, tolerant, nicht bewertend, offen. Ich habe große Demut davor, besonders dann, wenn ich zum Beispiel immer wieder die Erfahrung mache, ich habe ein Erstgespräch und auf der Bewusstseinsebene unterhalte ich mich mit meinem Klienten und natürlich bin ich eine erfahrene Beraterin und habe schon viel gehört. Dann kommt der Klient mit seiner Geschichte und ich denke mir: „Das könnte das und das sein.“ Wenn ich in das neutrale Bewusstsein gehe, mache ich plötzlich die Erfahrung, dass sich der unbewusste Zusammenhang, die unbewusste Dynamik und Wirkung und der Grund, warum es so ist, wie es ist, komplett anders darstellt. Das passiert eben außerhalb meines Egos und auch außerhalb seines Egos und wird durch das neutrale Bewusstsein 1 zu 1 ohne „Verfälschung“ wiedergegeben. Und es bedeutet häufig auch, ich hätte auf der Gesprächs- und Erfahrungsebene „falsch gelegen“.

Wie verändert sich das Leben der Klienten durch die Psychogenetik? 

Der Klient erobert sich durch den Psychogenetischen Kernprozess Erwachsenen- und Lebenskompetenz – was es bedeutet, wirklich Verantwortung zu übernehmen und in Selbstliebe zu sein, ist dann ganz offensichtlich und auch benannt. Er bekommt viel mehr Lebensenergie und positioniert sich erfolgreich damit auch im Leben. Man wagt neue Wege, weil man weiß, man muss dies für seine eigene Seele und für seine Stimmigkeit und Authentizität tun. Man bekommt eine höhere Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, kann sich klarer abgrenzen, hat ein größeres Bewusstsein für die eigenen Nachkommen und dieses größere Bewusstsein ist Anlass, sich viel klarer zu überlegen: Was lebe ich eigentlich vor? Welche Werte drückt mein Handeln aus? Man bekommt eine viel konstruktivere Bindungsfähigkeit und auch ein stärkeres Bewusstsein für konstruktive Beziehungen, für aktuelle Beziehungen, für Herkunftsbeziehungen, für zukünftige Beziehungen, mehr Selbstvertrauen. Und – und das ist vielleicht das Wichtigste- ein Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, das heißt: Ich wertschätze mich und vertrete mich mit dem, was ich wesentlich mit meinen Werten bin. Der Klient nimmt sich selber ernst.